Dortmund zu Fuß
Ortsgruppe des Fachverbandes Fußverkehr Deutschland FUSS e.V.

Quellen für planerische Entscheidungen

Die Frage, wie man den Fußverkehr attraktiver und sicherer machen kann, sollte sich aus der politischen Diskussion darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, speisen und wie alle Fragen zur Zukunft unserer Mobilität möglichst weitgehend auf Fakten basieren. Im Folgenden geben wir einige Hinweise, das Argumentationsmaterial der Gegenseite und genauso intensiv das eigene Argumentationsmaterial einer kritischen Sichtung zu unterziehen.

Eine Umfrage hat ergeben, dass ...

Immer wieder werden einzelne Umfrageergebnisse herangezogen, um etwas zu begründen. Hier lohnt es sich immer, nachzufragen. Meist können die, die auf die Umfragen verweisen, keine näheren Auskünfte geben, geschweige denn, dass sie sich mit der Umfrage beschäftigt haben. So kann man die Ergebnisse nicht einordnen. Die Hand lassen sollte man von allen Umfragen, bei denen das Untersuchungsdesign (also alle Fragen und Angaben zur Durchführung) nicht zugänglich sind. Eine besondere Aufmerksamkeit sollte den Fragen stellen, denn die Art der Fragestellung kann einen großen Einfluss auf die Antworten haben.

Die bedeutenste Form der inhaltsbezogenen systematischen Verzerrung von Antworten ist, dass befragte Personen beim Antworten in Abhängigkeit von eigenen Normen und Erwartungen berücksichtigen, was sie in der Befragungssituation für sozial wünschenswert erachten, um negative Folgen zu vermeiden. So antworten die meisten Menschen ungern oder gar nicht auf Fragen nach eigenen kriminellen Handlungen. Aber auch bei Fragen, die einem unangenehm oder peinlich sind, tendiert man zu einem sozial erwünschtem Antwortverhalten. Schon die Furcht vor missbilligenden Reaktionen durch die befragende Person verleiten zu diesem Verhalten (Hlawatsch/Krickl 2014: 306).

Wissenschaftliche Arbeiten

Schlechte Umfragen sind meist leicht zu identifizieren. Schwieriger wird das bei wissenschaftlichen Arbeiten, die genauso immer wieder als Argument herangezogen werden. Auch hier empfiehlt sich ein prüfender Blick. Es klingt trivial, wird aber selten thematisiert: Es gibt schon enorme Qualitätsunterschiede zwischen sehr guten und schlechten Wissenschaftlern (Gläser/Laudel 2009: 139-140) und das wirkt sich natürlich auch auf die Qualität der Arbeit aus.

Aber auch methodisch korrekte Untersuchungen können wenig brauchbare Ergebnisse liefern. In einer Untersuchung zeigte sich, dass Studierende, eine beliebte Versuchsgruppe der experimentelle Sozialforschung, als Probanten zu Ergebnissen führen, die sich nicht einfach auf die Welt außerhalb des Labors übertragen lassen (Lenger/Wolf 2018: 83). Sie schreiben (Lenger/Wolf 2018: 84):

Diese weisen andere Verhaltensweisen auf als Entscheidungsträger*innen in realen sozialen Interaktionen. Schon die Bereitschaft zur Teilnahme an einem Experiment kann Indikator für überdurchschnittlich kooperatives Verhalten sein. […] Die Selbstselektion der Proband*innen in den Pool sorgt dafür, dass die Proband*innen nicht einmal repräsentativ für die studentische Gesamtpopulation sind. Entgegen der unter experimentellen Forscher*innen verbreiteten Ansicht, (Nicht-)Repräsentativität sei kein Problem für die Untersuchung von Kausalzusammenhängen, sehen wir dieses Problem äußerst kritisch.

Es gibt also eine Selbstselektion in das Experiment (Lenger/Wolf 2018: 84). Ein Problem, dass auch alle Umfragen haben, für die nicht gezielt Personen nach Kriterien in ein Sample aufgenommen werden. Das trifft z. B. auf den Fahrradklimatest zu, der bedeutensten Befragung zur Radverkehrslage in Deutschland. Erst recht gibt es diesen Effekt bei den unzähligen Abschlussarbeiten, die bei passendem Ergebnis gerne von verkehrspolitisch engagierten Menschen herangezogen werden.

Aufgrund der zeitlichen und finanziellen Limitierungen in der Wissenschaft, wird es hinsichtlich der experimentellen Sozialforschung kaum eine Hinwendung zu repräsentativer Stichproben geben (Lenger/Wolf 2018: 85).

Berichte, Reports, Best-Practice-Sammlungen

Hier sollte man besonders genau hinschauen. Hier treten die Probleme wie bei wissenschaftlichen Arbeiten auf. So relativieren sich viele gut klingende Berichte über Erfolge bei der Radverkehrsförderung in den USA, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Fahrrad-Boom auf wenige dutzend Städte beschränkt ist, die Inseln in einer autodominierten Umgebung sind (Vith/Mösser 2017: 232).